Den Ausspruch Adornos im Hinblick auf das intellektuelle Selbstverständnis der Frankfurter
Aus
der tadelnden Beobachtung der liberalistischen und kapitalistischen Grundzüge
hervorgegangen, stehen die Frankfurter in der Mitte einer ideologischen
Polarisierung zwischen Faschismus und Republikanismus. Analog zu dem
hauptsächlich ideologischen Unterschied zwischen Platon und Aristoteles, lauert
die Frage nach der (Selbst-)Bestimmung der Intellektuellen zwischen der Theorie
und der Praxis. Der Konflikt zwischen intersubjektiver Realität und den allgemein
geltenden moralischen und gesellschaftlichen Ideen als Basis jenes wissenschaftlichen
Gedanken, zieht sich durch das Oxymoron Adornos.
Die
Zweideutigkeit jeder Kategorie in der Philosophie der Frankfurter projiziert
sich auf den Kernbegriff der Gesellschaft. Daraus entsteht die schon von
Horkheimer ausführlich behandelte Frage nach der Position und Rolle der
Wissenschaft bzw. der Intellektuellen in der Gesellschaft. Dass die Kunst des
Wissens ihre Resultate nur in der industriellen Wirklichkeit verwirklichen
könnte, lässt sich aus in materieller und kurzfristiger Hinsicht nachvollziehen. Doch der
Sinn der Gesellschaft selbst setzt das Wissen, die Theorie und die
Intellektuellen in ihrem Kern voraus. In diesem Sinne ist die Gesellschaft eine
Analogie zu dem Gemeinwille bei Rousseau; ohne diesen intellektuellen Kern wäre
sie bloß ein Ausdruck des zerstreuten Gesamtwilles.
„Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion. Gewiß muss das Leben beobachtet werden, damit sie entstehe.“ – Siegfried Kracauer
Woraus
die Realität besteht und wie sie funktioniert, steht im Grunde der
Argumentation der Frankfurter für die kritische Theorie und ihr Verständnis des
Intellektuellen. Zugleich basiert aber die Zielsetzung der Intellektuellen - schon
vor der Theoriendebatte – auf der Interpretation der wahrgenommenen Wirklichkeit
und deren Modifizierung und Rationalisierung. Abgesehen von der Herkunft dieser
Wirklichkeit – entweder von den im Sinne des Intellektuellen gesammelten
theoretischen Erfahrungen oder von den Denkstößen tatsächlicher Praxis, wäre
die konstruktivistische Herangehensweise der ausschlaggebende Faktor, der im nächsten
Schritt die Realität (nicht) ändern könnte. Ab diesem Ausgangspunkt bezeigen
sich die Unterschiede zwischen der traditionellen und kritischen Theorie.
Wenn
der Ausspruch Adornos metaphorisch auf diese für die Fragestellung primäre Ausdifferenzierung
übertragen wird, dann zeichnet sich in erster Linie ein Abbild zwischen dem
Wissensverständnis und ihren Konsequenzen als Lebensweise, obwohl Adorno sie
mit „richtig“ und „falsch“ verallgemeinert. In Anbetracht der von den
Frankfurtern vertretenen Theorie, bezieht sich das Falsche auf ein
traditionelles Verfahren, das die tatsächliche Aufgabe und Rolle der
Wissenschaft nicht erfüllt und sich in ihrer eigenen Welt mit scheinbarem
Selbstbewusstsein zurückzieht. Dem gegenüber steht die Richtigkeit der Theorie
als eine Existenzweise - selber von der Existenz aufgenommen und stark in ihr
integriert. Die Korrektheit dieser Bezeichnungen lässt sich aus historischen
und normativen Gründen nur schwer vergleichen, da beide Vorgehensweisen Regierungsvorschläge
bestimmter politischer Ebenen im Sinne von bottom-up bzw. top-down-Strategien geben
und beide lassen sich anwenden (auch wenn top-down v.a. im Management
realisierbar ist).
Der
Dualismus des Begriffs von Theorie und die Kritik bzw. die Vorzüge, die
eindeutig von Adorno und Horkheimer betont werden, bilden den Einfluss von
Rousseaus (und zugespitzt von Marx) Gesellschaftskritik und –vertrag auf den von
den Frankfurtern entwickelten Welt-, Wissens- und Selbstwahrnehmung ab.
Rousseaus Mischverfassung und Forderung gegenüber dem Gesetzgeber für einen
strikten bottom-up-Entscheidungsprozess projizieren auf ein
Basis-Überbau-Modell der Argumentation für die kritische Theorie, wobei auch
die Sein-Schein-Kontroverse direkt die Rolle eines Vorwurfes gegenüber
traditionellen Gelehrten übernimmt.
Ein
Kritikpunkt, der als Fazit hervorgehoben werden soll, ist, dass die Realität in
beiden Theorieströmungen als Input und Output gilt. Die subjektive Konstruktion
der Tatsächlichkeit selbst ermöglicht keine intersubjektive Nachvollziehbarkeit
des Outputs, auch wenn die Instrumente in derer Interpretation aus objektivem
Wissen „über die ökonomischen, gesellschaftlichen und psychologischen
Zusammenhänge“ (Horkheimer, 1937, S. 167) in der Gesellschaft bestehen.
„Die Bezeichnung von Hypothesen auf Tatsachen vollzieht sich nicht im Kopf der Gelehrten, sondern in der Industrie.“ – Horkheimer
Der
Logik der Frankfurter nach zeichnet sich das Funktionieren und die Entwicklung
einer Gesellschaft durch die Vollständigkeit der Arbeit aller seiner
Einzelteilen und zwar bis hin zu den kleinsten Komponente, die sie
vervollständigen, aus. Obwohl die Outcome-Verflechtung und
Koordinationsmöglichkeiten unter allen Segmenten dadurch aufs Äußerste belastet
werden, wird bei den Intellektuellen ein Verständnis für ihre Stelle und
Aufgaben übernommen, die sie den normativen Ansprüchen nach mit den anderen
Arbeitsbereichen einer Gesellschaft gleichsetzt. Die Idee für eine qualitative
Induktion, die den Input für Kritik und Verbesserungen geben soll, ist aus der
Sicht der kritischen Theorie zwar gerechtfertigt, doch nicht von
Funktionsbelastungen befreit.
Der
Intellektuelle im frankfurtischen Sinne benutzt sein kulturelles Kapital, um
gesellschaftliche Motive direkt von ihrer Tatsächlichkeit zu nehmen und sie bis
zu ihrem kleinsten Detail zu untersuchen. Dabei ist diese Tätigkeit als gleich
relevant beobachtet wie die Beschäftigungen in allen anderen Funktionsbereichen
der Gesamtheit. Weitergehend ist der Intellektuelle keine freischwebende,
moralisch übergreifende Instanz wie in der traditionellen Theorie, sondern ein vollständiges
Mitglied der Gesellschaft, das öffentlich seinen Beitrag zu ihrer Entwicklung
leistet, d.h. er ist mitten in seinem Forschungsgegenstand. Die Besonderheit,
die dahinter steckt (auch von Horkheimer erörtert) besteht aus der Dualität
zwischen Individuum und Gesellschaftsmitglied: eine Welt, die von der eigenen
Wahrnehmung aufgenommen wird, doch von den Tätigkeiten von allen produziert und
beeinflusst wird. Es ist zwar ein logischer Ansatz, dass sich das Individuum
bzw. die Gesellschaft dadurch entwickeln kann, wenn sie sich selbst in den Mittelpunkt
der Kritik stellt, doch könnte das auch für die Intellektuellen gelten?
Das
Thema von der Relation zwischen Experte und Intellektuell sollte im Hinblick
auf der gestellten Frage auch angesprochen werden. Obwohl die Dualität der Welt,
die von den Menschen geschaffen und auch analysiert wird, von Horkheimer als
Bedingung der „Macht des gesunden Menschenverstandes“ kategorisiert wird,
bleibt die Frage offen, wie die Intellektuellen ihren Beitrag zu dieser
Gesellschaft schaffen sollten, wenn sie deren Mitglieder sind. Diese Nähe des
Gelehrten zu seinem Forschungsgegenstand übermittelt ihm die Vergleichsbasis
von einem Experten, d.h. die Möglichkeit als ein Experte zu beobachten und zu analysieren.
Doch das kulturelle Kapital unterscheidet sich ziemlich auch wenn nur von dem
Habitus ausgegangen wird. Dieses Bild von den Gelehrten als quasi-Experte
erzeugt die Gefahr, dass der Überblick über die Zusammenhänge zwischen der
verschiedenen Funktionszweigen aufgrund Fokussierung auf Details und
Einzelheiten vernachlässigt wird oder einfach verblasst. Es ist nicht von der
Hand zu weisen, dass der Intellektuelle als Individuum Kritik an sich selbst
übt (und damit auch absichtslos das allgemeine
Ziel verfolgt, so Horkheimer), doch infolge seiner besonderer Bezeichnung und
Berufung sollte er ein allseitiges und übergreifendes Urteil über Zustände,
Relationen, Möglichkeiten und Prognosen schaffen und dazu noch Richtlinien angeben.
„Alle Verallgemeinerung sind gefährlich, sogar diese.“ – Alexandre Dumas
Aus
diesen Überlegungen hervorgegangen und als Fazit der gestellten These, möchte
ich in keine positivistische oder pragmatische Richtung gehen. Der Begriff der
Gesellschaft geht selbst mit ihrer Existenz von einer übergeordneten Autorität
aus – ein Ziel, ein Glaube oder eine patriotische Überzeugung, wenn der Staat
im Mittelpunkt steht. Die intersubjektive Materialisierbarkeit dieser Autorität
verwirklicht sich in die Kultur jener Gemeinschaft, deren Träger auch die
Intellektuellen sind. Zum Teil hat sie die bottom-up-Perspektive der kritischen
Theorie, indem sie detaillierte Aspekte aus dem Alltagsleben übernimmt, sie durch
qualitative Induktion verallgemeinert und sozial problematisch in die
Gesellschaft in der Form von Denkanstößen zurückstellt. Doch gehört zu ihr noch
diese freischwebende Existenzweise, die sie einnimmt und modifiziert. Die
Arbeitsaufteilung darf sie nicht miteinbeziehen, da die intellektuelle
Beschäftigung, auch im Verständnis der Frankfurter, einen übergreifenden
Charakter hat.
Der
Frankfurter Intellektuelle hat den Auftrag die Gesellschaft kritisch zu
beobachten, um sie und sich selber entwickeln zu können. Daher sollte er aber
ein bisschen über den Tellerrand zu schauen und die Tatsachen in ihren Zusammenhängen
sehen, da sie, nach Horkheimer, zusammenwirken und aufeinander angewiesen sind.
*Dieses Essay ist Teil der Prüfungsleistungen im Rahmen der Übung "Die Intellektuellen und die Macht" von Astrid Sigglow, M.A. und Matthias Hansl, M.A. (Geschwister-Scholl-Institut der LMU München, Sommersemester 2013)
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