Mittwoch, 22. Mai 2013

Es gibt kein richtiges Leben im falschen*


                         

Den Ausspruch Adornos im Hinblick auf das intellektuelle Selbstverständnis der Frankfurter


Aus der tadelnden Beobachtung der liberalistischen und kapitalistischen Grundzüge hervorgegangen, stehen die Frankfurter in der Mitte einer ideologischen Polarisierung zwischen Faschismus und Republikanismus. Analog zu dem hauptsächlich ideologischen Unterschied zwischen Platon und Aristoteles, lauert die Frage nach der (Selbst-)Bestimmung der Intellektuellen zwischen der Theorie und der Praxis. Der Konflikt zwischen intersubjektiver Realität und den allgemein geltenden moralischen und gesellschaftlichen Ideen als Basis jenes wissenschaftlichen Gedanken, zieht sich durch das Oxymoron Adornos.
Die Zweideutigkeit jeder Kategorie in der Philosophie der Frankfurter projiziert sich auf den Kernbegriff der Gesellschaft. Daraus entsteht die schon von Horkheimer ausführlich behandelte Frage nach der Position und Rolle der Wissenschaft bzw. der Intellektuellen in der Gesellschaft. Dass die Kunst des Wissens ihre Resultate nur in der industriellen Wirklichkeit verwirklichen könnte, lässt sich aus in materieller und  kurzfristiger Hinsicht nachvollziehen. Doch der Sinn der Gesellschaft selbst setzt das Wissen, die Theorie und die Intellektuellen in ihrem Kern voraus. In diesem Sinne ist die Gesellschaft eine Analogie zu dem Gemeinwille bei Rousseau; ohne diesen intellektuellen Kern wäre sie bloß ein Ausdruck des zerstreuten Gesamtwilles.

„Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion. Gewiß muss das Leben beobachtet werden, damit sie entstehe.“ – Siegfried Kracauer

Woraus die Realität besteht und wie sie funktioniert, steht im Grunde der Argumentation der Frankfurter für die kritische Theorie und ihr Verständnis des Intellektuellen. Zugleich basiert aber die Zielsetzung der Intellektuellen - schon vor der Theoriendebatte – auf der Interpretation der wahrgenommenen Wirklichkeit und deren Modifizierung und Rationalisierung. Abgesehen von der Herkunft dieser Wirklichkeit – entweder von den im Sinne des Intellektuellen gesammelten theoretischen Erfahrungen oder von den Denkstößen tatsächlicher Praxis, wäre die konstruktivistische Herangehensweise  der ausschlaggebende Faktor, der im nächsten Schritt die Realität (nicht) ändern könnte. Ab diesem Ausgangspunkt bezeigen sich die Unterschiede zwischen der traditionellen und kritischen Theorie.
Wenn der Ausspruch Adornos metaphorisch auf diese für die Fragestellung primäre Ausdifferenzierung übertragen wird, dann zeichnet sich in erster Linie ein Abbild zwischen dem Wissensverständnis und ihren Konsequenzen als Lebensweise, obwohl Adorno sie mit „richtig“ und „falsch“ verallgemeinert. In Anbetracht der von den Frankfurtern vertretenen Theorie, bezieht sich das Falsche auf ein traditionelles Verfahren, das die tatsächliche Aufgabe und Rolle der Wissenschaft nicht erfüllt und sich in ihrer eigenen Welt mit scheinbarem Selbstbewusstsein zurückzieht. Dem gegenüber steht die Richtigkeit der Theorie als eine Existenzweise - selber von der Existenz aufgenommen und stark in ihr integriert. Die Korrektheit dieser Bezeichnungen lässt sich aus historischen und normativen Gründen nur schwer vergleichen, da beide Vorgehensweisen Regierungsvorschläge bestimmter politischer Ebenen im Sinne von bottom-up bzw. top-down-Strategien geben und beide lassen sich anwenden (auch wenn top-down v.a. im Management realisierbar ist).
Der Dualismus des Begriffs von Theorie und die Kritik bzw. die Vorzüge, die eindeutig von Adorno und Horkheimer betont werden, bilden den Einfluss von Rousseaus (und zugespitzt von Marx) Gesellschaftskritik und –vertrag auf den von den Frankfurtern entwickelten Welt-, Wissens- und Selbstwahrnehmung ab. Rousseaus Mischverfassung und Forderung gegenüber dem Gesetzgeber für einen strikten bottom-up-Entscheidungsprozess projizieren auf ein Basis-Überbau-Modell der Argumentation für die kritische Theorie, wobei auch die Sein-Schein-Kontroverse direkt die Rolle eines Vorwurfes gegenüber traditionellen Gelehrten übernimmt.
Ein Kritikpunkt, der als Fazit hervorgehoben werden soll, ist, dass die Realität in beiden Theorieströmungen als Input und Output gilt. Die subjektive Konstruktion der Tatsächlichkeit selbst ermöglicht keine intersubjektive Nachvollziehbarkeit des Outputs, auch wenn die Instrumente in derer Interpretation aus objektivem Wissen „über die ökonomischen, gesellschaftlichen und psychologischen Zusammenhänge“ (Horkheimer, 1937, S. 167) in der Gesellschaft bestehen.  

„Die Bezeichnung von Hypothesen auf Tatsachen vollzieht sich nicht im Kopf der Gelehrten, sondern in der Industrie.“ – Horkheimer

Der Logik der Frankfurter nach zeichnet sich das Funktionieren und die Entwicklung einer Gesellschaft durch die Vollständigkeit der Arbeit aller seiner Einzelteilen und zwar bis hin zu den kleinsten Komponente, die sie vervollständigen, aus. Obwohl die Outcome-Verflechtung und Koordinationsmöglichkeiten unter allen Segmenten dadurch aufs Äußerste belastet werden, wird bei den Intellektuellen ein Verständnis für ihre Stelle und Aufgaben übernommen, die sie den normativen Ansprüchen nach mit den anderen Arbeitsbereichen einer Gesellschaft gleichsetzt. Die Idee für eine qualitative Induktion, die den Input für Kritik und Verbesserungen geben soll, ist aus der Sicht der kritischen Theorie zwar gerechtfertigt, doch nicht von Funktionsbelastungen befreit.
Der Intellektuelle im frankfurtischen Sinne benutzt sein kulturelles Kapital, um gesellschaftliche Motive direkt von ihrer Tatsächlichkeit zu nehmen und sie bis zu ihrem kleinsten Detail zu untersuchen. Dabei ist diese Tätigkeit als gleich relevant beobachtet wie die Beschäftigungen in allen anderen Funktionsbereichen der Gesamtheit. Weitergehend ist der Intellektuelle keine freischwebende, moralisch übergreifende Instanz wie in der traditionellen Theorie, sondern ein vollständiges Mitglied der Gesellschaft, das öffentlich seinen Beitrag zu ihrer Entwicklung leistet, d.h. er ist mitten in seinem Forschungsgegenstand. Die Besonderheit, die dahinter steckt (auch von Horkheimer erörtert) besteht aus der Dualität zwischen Individuum und Gesellschaftsmitglied: eine Welt, die von der eigenen Wahrnehmung aufgenommen wird, doch von den Tätigkeiten von allen produziert und beeinflusst wird. Es ist zwar ein logischer Ansatz, dass sich das Individuum bzw. die Gesellschaft dadurch entwickeln kann, wenn sie sich selbst in den Mittelpunkt der Kritik stellt, doch könnte das auch für die Intellektuellen gelten?
Das Thema von der Relation zwischen Experte und Intellektuell sollte im Hinblick auf der gestellten Frage auch angesprochen werden. Obwohl die Dualität der Welt, die von den Menschen geschaffen und auch analysiert wird, von Horkheimer als Bedingung der „Macht des gesunden Menschenverstandes“ kategorisiert wird, bleibt die Frage offen, wie die Intellektuellen ihren Beitrag zu dieser Gesellschaft schaffen sollten, wenn sie deren Mitglieder sind. Diese Nähe des Gelehrten zu seinem Forschungsgegenstand übermittelt ihm die Vergleichsbasis von einem Experten, d.h. die Möglichkeit als ein Experte zu beobachten und zu analysieren. Doch das kulturelle Kapital unterscheidet sich ziemlich auch wenn nur von dem Habitus ausgegangen wird. Dieses Bild von den Gelehrten als quasi-Experte erzeugt die Gefahr, dass der Überblick über die Zusammenhänge zwischen der verschiedenen Funktionszweigen aufgrund Fokussierung auf Details und Einzelheiten vernachlässigt wird oder einfach verblasst. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Intellektuelle als Individuum Kritik an sich selbst übt (und damit auch absichtslos das allgemeine Ziel verfolgt, so Horkheimer), doch infolge seiner besonderer Bezeichnung und Berufung sollte er ein allseitiges und übergreifendes Urteil über Zustände, Relationen, Möglichkeiten und Prognosen schaffen und dazu noch Richtlinien angeben.

„Alle Verallgemeinerung sind gefährlich, sogar diese.“ – Alexandre Dumas

Aus diesen Überlegungen hervorgegangen und als Fazit der gestellten These, möchte ich in keine positivistische oder pragmatische Richtung gehen. Der Begriff der Gesellschaft geht selbst mit ihrer Existenz von einer übergeordneten Autorität aus – ein Ziel, ein Glaube oder eine patriotische Überzeugung, wenn der Staat im Mittelpunkt steht. Die intersubjektive Materialisierbarkeit dieser Autorität verwirklicht sich in die Kultur jener Gemeinschaft, deren Träger auch die Intellektuellen sind. Zum Teil hat sie die bottom-up-Perspektive der kritischen Theorie, indem sie detaillierte Aspekte aus dem Alltagsleben übernimmt, sie durch qualitative Induktion verallgemeinert und sozial problematisch in die Gesellschaft in der Form von Denkanstößen zurückstellt. Doch gehört zu ihr noch diese freischwebende Existenzweise, die sie einnimmt und modifiziert. Die Arbeitsaufteilung darf sie nicht miteinbeziehen, da die intellektuelle Beschäftigung, auch im Verständnis der Frankfurter, einen übergreifenden Charakter hat.
Der Frankfurter Intellektuelle hat den Auftrag die Gesellschaft kritisch zu beobachten, um sie und sich selber entwickeln zu können. Daher sollte er aber ein bisschen über den Tellerrand zu schauen und die Tatsachen in ihren Zusammenhängen sehen, da sie, nach Horkheimer, zusammenwirken und aufeinander angewiesen sind.

*Dieses Essay ist Teil der Prüfungsleistungen im Rahmen der Übung "Die Intellektuellen und die Macht" von Astrid Sigglow, M.A. und Matthias Hansl, M.A. (Geschwister-Scholl-Institut der LMU München, Sommersemester 2013)